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Legal-Tech-TrendsBeitrag

LexBeat #2: Microsoft steigt ein, die Gerichte ziehen Grenzen

Microsoft bringt juristische KI direkt in Word, das Bundesarbeitsgericht zieht Konsequenzen aus einem ungeprüften KI-Schriftsatz, Freshfields denkt über eine eigene KI-Firma nach und Legora sammelt 550 Millionen Dollar ein. Vier Entwicklungen, die die vergangenen zwei Wochen im Rechtsmarkt geprägt haben.

von Angelo Aratari1.103 Wörter6 Min. Lesezeit

KI-generiertes Editorial-Motiv
Gerichte ziehen Grenzen

LexBeat ist die Rubrik im Magazin des German Legal Tech Summit. Sie fasst die wichtigsten Entwicklungen im Rechtsmarkt kompakt zusammen und ordnet sie ein.

Microsoft zieht in die Kanzlei ein

Am 15. Oktober hat Microsoft Copilot for Legal vorgestellt: mehr als 20 juristische Skills für Vertragsprüfung, Entwürfe und das Nachverfolgen von Pflichten, direkt in Word und im agentischen Arbeitsbereich Cowork, ergänzt um Plugins von über zwei Dutzend Legal-Tech-Partnern. Nach Zählung von LawSites ist Microsoft damit der vierte große KI-Konzern, der binnen fünf Monaten eine eigene Legal-Sparte aufbaut.1 Zu den Partnern gehören Harvey, Legora, Relativity und Everlaw. Ausgerollt wird an Kunden mit einer kommerziellen Lizenz für Microsoft 365 Copilot.2

Für Kanzleien und Rechtsabteilungen heißt das vor allem: Juristische KI kommt dorthin, wo ohnehin gearbeitet wird. Wer Word nutzt, braucht für erste Anwendungen kein neues System mehr. Die spezialisierten Anbieter verlieren dadurch nicht automatisch an Bedeutung, denn sie sind als Partner Teil des Angebots. Harvey-CEO Winston Weinberg betonte, Microsoft sei für sein Unternehmen Kunde und Partner zugleich.3

Wie viel Urteilsvermögen die Modelle mitbringen, zeigt ein neuer Benchmark von Ivo und dem Datenlabor micro1. Sieben führende Modelle wurden an 350 realen Aufgaben der Vertragsprüfung getestet. Keines erreichte 60 Prozent der von Anwältinnen und Anwälten definierten Kriterien, das beste kam auf 58,3 Prozent.4 Die Werkzeuge werden also breiter verfügbar, die Prüfung durch Menschen bleibt aber der entscheidende Schritt.

Erst prüfen, dann unterschreiben

Das Bundesarbeitsgericht hat eine KI-generierte Nichtzulassungsbeschwerde als unzulässig verworfen, weil der Prozessbevollmächtigte den Schriftsatz nicht geprüft hatte.5 Der Schriftsatz enthielt Urteile, die eine KI erfunden hatte, und wurde ungeprüft unterschrieben. Nach dem Beschluss vom 30. September 2026 (2 AZN 339/26) fehlte es damit an einer wirksamen Vertretung. Das Gericht verwies dabei auf die Hinweise der Bundesrechtsanwaltskammer zum KI-Einsatz.6 Fast zeitgleich entschied das Landgericht Aachen, dass Google für Falschangaben seiner KI verantwortlich ist.7

Damit bekommt die Debatte aus LexBeat #1 eine erste Antwort von einem Bundesgericht: Wer KI-Schriftsätze ungeprüft einreicht, riskiert nicht nur einen peinlichen Moment, sondern die Wirksamkeit der Prozesshandlung. Auch in Großbritannien steht die Verantwortung im Mittelpunkt. Die Law Society stellt in einem neuen Praxisleitfaden klar, dass KI keine juristische Person ist und Anwältinnen und Anwälte ihre berufliche Verantwortung nicht auf ein KI-Werkzeug übertragen können.8

Wenn die Kanzlei zum Tech-Unternehmen wird

Freshfields prüft laut einem Bericht der Financial Times, seine KI-Einheit Freshfields Lab in eine eigenständige Gesellschaft auszugliedern und für externe Investoren zu öffnen. Auch ein Börsengang wird diskutiert. Global Managing Partner Alan Mason verwies auf Bewertungen im Legal-Tech-Markt beim 25- bis 40-Fachen des Umsatzes. Bekannt wurden die Überlegungen durch eine E-Mail, die versehentlich an einen großen internen Verteiler ging. Die Gespräche seien noch in einem sehr frühen Stadium.9

Freshfields Lab entwickelt Anwendungen für Dokumentenanalysen, Due-Diligence-Prüfungen und komplexe Rechtsstreitigkeiten. Sie könnten künftig auch Rechtsabteilungen und anderen Kanzleien angeboten werden.10 Freshfields ist mit solchen Plänen nicht allein: Womble Bond Dickinson hat ein eigenes KI-Labor gegründet, das zunächst Werkzeuge etwa für die Beobachtung regulatorischer Entwicklungen und für juristische Analysen entwickelt.11

Dahinter steht die Frage, ob große Kanzleien selbst zu Technologieanbietern werden. Offen ist vor allem, ob die intern entwickelten Werkzeuge außerhalb der eigenen Kanzlei denselben Mehrwert bieten.12 Davon hängt am Ende auch die Bewertung ab.

Legora zieht mit Harvey gleich

Legora hat 550 Millionen Dollar in einer Series E eingesammelt, bei einer Bewertung von 8,8 Milliarden Dollar. Angeführt wurde die Runde von Atreides Management, neu dabei sind unter anderem Fidelity, Capital Group und J.P. Morgan.13 Der Jahresumsatz liegt bei über 200 Millionen Dollar, weniger als sechs Monate nachdem die Marke von 100 Millionen erreicht war.14 Rechtsabteilungen stellten im dritten Quartal mehr als 40 Prozent der Neukunden. In den USA, inzwischen Legoras größter Markt, zählt mehr als die Hälfte der AmLaw-50-Kanzleien zu den Kunden.15

Die Runde kam nur sechs Wochen nach der Finanzierung von Harvey, das ebenfalls 550 Millionen Dollar einsammelte, bei 15,5 Milliarden Dollar Bewertung.16 Für den deutschen Markt ist das relevant, weil Legora hier seit Ende September mit einem Büro in München vertreten ist und BMW als großen Unternehmenskunden gewonnen hat.17

Mit Microsoft auf der einen und zwei hoch finanzierten Spezialanbietern auf der anderen Seite ordnet sich der Markt neu: Breite Grundfunktionen kommen aus der Office-Welt, tiefe juristische Arbeitsabläufe von Spezialisten. Für Kanzleien und Rechtsabteilungen wird die Auswahl damit nicht einfacher. Die Frage lautet aber immer seltener, ob KI eingesetzt wird, sondern welche und wie.

Ausblick

Am 4. und 5. November trifft sich die Branche bei Legal Innovators UK in London, am 17. und 18. November in New York.18 Bis zum 9. November läuft außerdem die Konsultation der EU-Kommission zu den Verfahrensregeln, nach denen das KI-Büro Bußgelder verhängt.19

Am 3. Dezember findet der German Legal Tech Summit im HCC Hannover. Alle vier Entwicklungen dieser Ausgabe finden sich in seinen Themenfeldern wieder: von KI-Agenten über Regulierung und Verantwortung bis zu neuen Geschäftsmodellen und dem Legal-Tech-Markt.

LexBeat #3 erscheint voraussichtlich in zwei Wochen.

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Fußnoten

  1. Vgl. Ambrogi, Microsoft Launches Copilot for Legal, Becoming the Fourth AI Giant in Five Months to Build Out a Legal Vertical (öffnet in neuem Fenster), LawSites vom 15.10.2026. ↩︎
  2. Vgl. Artificial Lawyer, Microsoft Launches Copilot for Legal – Brace for Impact! (öffnet in neuem Fenster) vom 15.10.2026. ↩︎
  3. Vgl. Artificial Lawyer, Microsoft Launches Copilot for Legal (öffnet in neuem Fenster). ↩︎
  4. Vgl. Tromans, Grok Top For Contracts, AL on Hols, Harvey Agents + (öffnet in neuem Fenster), Artificial Lawyer vom 23.10.2026. ↩︎
  5. Vgl. Legal Tribune Online, Die juristische Presseschau vom 20. Oktober 2026 (öffnet in neuem Fenster) vom 20.10.2026. ↩︎
  6. Vgl. BAG, Beschluss vom 30.09.2026 – 2 AZN 339/26; dazu nexvyra, BAG 2 AZN 339/26 – Schriftsatz mit KI-„halluzinierten“ Urteilen ungeprüft signiert (öffnet in neuem Fenster) vom 17.10.2026. ↩︎
  7. Vgl. Legal Tribune Online, Die juristische Presseschau vom 20. Oktober 2026 (öffnet in neuem Fenster). ↩︎
  8. Vgl. Artificial Lawyer, ‘AI Is Not A Legal Entity’ Says Law Society (öffnet in neuem Fenster) vom 21.10.2026. ↩︎
  9. Vgl. Legal Tech Verzeichnis, Freshfields erwägt Ausgliederung seiner KI-Sparte mit Milliardenbewertung (öffnet in neuem Fenster) vom 26.10.2026, unter Berufung auf die Financial Times. ↩︎
  10. Vgl. Legal Tech Verzeichnis, Freshfields erwägt Ausgliederung seiner KI-Sparte (öffnet in neuem Fenster). ↩︎
  11. Vgl. Sherman, Womble Establishes Lab for Developing Proprietary AI Tools (öffnet in neuem Fenster), Legaltech News vom 20.10.2026. ↩︎
  12. Vgl. Legal Tech Verzeichnis, Freshfields erwägt Ausgliederung seiner KI-Sparte (öffnet in neuem Fenster). ↩︎
  13. Vgl. Artificial Lawyer, Legora Raises $550m at $8.8Bn Valuation (öffnet in neuem Fenster) vom 21.10.2026. ↩︎
  14. Vgl. Vestbee, Legora raises $550M (öffnet in neuem Fenster) vom 22.10.2026. ↩︎
  15. Vgl. Legora, Legora raises $550 million Series E at $8.8 billion valuation to accelerate growth (öffnet in neuem Fenster), Pressemitteilung vom 21.10.2026. ↩︎
  16. Vgl. The Next Web, Swedish legal AI firm Legora raises $550M led by Atreides at $8.8B valuation (öffnet in neuem Fenster). ↩︎
  17. Vgl. Hill, BMW Group to roll out Legora across its legal department (öffnet in neuem Fenster), Legal IT Insider vom 08.10.2026. ↩︎
  18. Vgl. Tromans, Grok Top For Contracts, AL on Hols, Harvey Agents + (öffnet in neuem Fenster). ↩︎
  19. Vgl. AI and GPP, Brussels Said Nothing About AI. That Was the Message (öffnet in neuem Fenster) vom 19.10.2026. ↩︎

Alle Links zuletzt abgerufen am 28.10.2026.

Verfasst von

  • Angelo Aratari · Project Manager

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